Horrorwaty - DER TRAILER

Twitter ist Teufelszeug und Patrick Swayze lebt

Mittwoch, 20. Mai2009 | Von Christoph Holowaty | Rubrik: Backstage

horrorwatykopfkachel

Noch bevor der menschlichen Kehle sehr viel mehr als unartikuliertes Gegrunze zu entnehmen war, haben wir das Feuer erfunden. Ziemlich schnell haben wir auch kapiert, dass ein Feuer nicht nur die eigene Höhle wärmt und gefangene Kleintiere gart, sondern man kann damit auch prima die Butze des bösen Nachbarn abfackeln.

Kaum haben wir Jahrhunderte später die ersten wackligen Flugapparate zusammen geschustert, kommt auch schon der erste Pilot auf die zündende Idee, einen feindlichen Piloten mit einer Schrotflinte vom Himmel zu kratzen.

Die möglicherweise zu Beginn gut gemeinte Erforschung der Atomenergie gipfelte im Zweiten Weltkrieg in Kilometer hohen Rauchpilzen, der Auslöschung ganzer Städte und jeder Menge Ärger beim darauffolgenden Wettrüsten.

Inzwischen sind die technologischen Errungenschaften der Menschheit möglicherweise nicht mehr ganz so augenscheinlich marode, liefern aber unter dem Deckmäntelchen des vermeintlichen Fortschrittes nicht nur teils Gefährliches, sondern geradezu bahnbrechenden Schwachsinn.

Beispiel Twitter. Der Reiz eines Twitter-Accounts besteht darin, Freunden (und völlig Fremden) mitzuteilen, was man gerade tut. Für diese Ausführungen hält der Erfinder Jack Dorsey 140 Zeichen für ausreichend. Logisch. Beim Twittern befindet man sich ja in der Regel auch selten gerade inmitten eines komplizierten gehirnchirurgischen Eingriffs oder bringt die Gen-Mutation eines Landeis auf die nächste Stufe.

Gerade das macht die getwitterten Informationen aber auch so völlig belanglos. Es sei denn, es handelt sich um enge Bekannte, die uns Einblicke in ihr Alltagsleben geben, oder natürlich Prominente. Es hat
schon
was Vertrautes,
wenn uns Raul
Richter
von
Gute Zeiten Schlechte
Zeiten
darüber informiert, dass
er im Aufenthaltsraum einer Talkshow sitzt und ihm fremde Studiogäste nicht ganz geheuer vorkommen.
Es hat schon was Vertrautes, wenn uns Raul Richter von Gute Zeiten Schlechte Zeiten darüber informiert, dass er im Aufenthaltsraum einer Talkshow sitzt und ihm fremde Studiogäste nicht ganz geheuer vorkommen. Switch-Comedian Michael Kessler feierte jüngst über 4.000 „Followers“, also Leute, die seinen Mini-Blog abonniert haben. Er pflegt dort aber eher seine Fan-Gemeinde und weist auf Sendetermine hin, anstatt werktägliche Verrichtungen zu protokollieren. Wer aber bei Twitter wirklich jemand ist, lässt sich nur schwer nachweisen. Harald Schmidt ist bei Twitter zum Beispiel nicht Harald Schmidt, sondern Internet-Blödler Rob Vegas. Das ist vielleicht besser so, denn selbst den Autoren von Harald Schmidt ist es nicht zuzumuten, auch noch im Maschinengewehr-Stakkato amüsante Twitter-Einträge zu verfassen.

Aber das ist alles noch harmlos. Viel schlimmer ist, dass der Hype um Twitter inzwischen nahezu alle Medien dazu bringt, über den Mini-Blog Botschaften unterschiedlichster Güte zu verbreiten, und sei es nur zur Demonstration der eigenen Aktualität und Recherchentiefe. Mit Glück trudelt einfach nur Sinnfreies aus den Verlagshäusern ein (O-Ton der Hamburger Morgenpost: “Glutamat ist teuer”, sagt der Kollege. #wortspielhölle), aber es werden auch ernstgemeinte Kurznachrichten eilig hinausgedonnert. Und zwar gar zu oft zu Ereignissen, die entweder noch gar nicht eingetreten sind, oder deren Wesen der Verfasser selbst nicht begriffen hat.

Die gestrige Meldung über den Tod des an Bauspeicheldrüsenkrebs erkrankten Patrick Swayze beispielsweise stellte sich bald als maßlos übertrieben heraus. Der Mann lebt, spricht gut auf seine Medikamente an, und erfreut sich seines Daseins, sagt sein Management. Dennoch verbreitete sich die Todesnachricht innerhalb von Minuten weltweit. Der globalen stillen Post fielen auch renommierte Portale wie RTL.de, n24.de und Bild.de zum Opfer: Die schaufelten die Meldung in Windeseile weiter. Erst später stellte sich heraus, dass eine teuflische Mixtur der Triebsatz für die tragische Falschmeldung war. Ein Twitter-User lieferte mit der Meldung den Bodensatz, der durch daraus resultierende Meldungen einiger US-Radiosender zum explosiven Gemisch wurde und sich sich schließlich in der Atmosphäre des Cyberspace zu einer Sensationsstory entzündete. Schuld war aber natürlich wieder keiner.

Per Twitter lässt es sich endlich wieder prima zündeln, genau wie damals in der Steinzeit-Höhle mit Feuerstein,
Zunder und Pyrit.
Per Twitter lässt es sich endlich wieder prima zündeln, genau wie damals in der Steinzeit-Höhle mit Feuerstein, Zunder und Pyrit. Dumm nur, dass heutzutage nicht etwa nur der Stammesälteste oder der Sippen-Schamane über ein derartig weitreichendes Fachwissen verfügt, sondern jeder Grundschüler.

Da beneide ich irgendwie meine Eltern als Vertreter der wenigen noch ultimativ Technologie-Resistenten. Erst als Nokia endlich wieder ein Handy auf den Markt gebracht hatte, mit dem man garantiert nichts anderes kann als Telefonieren, kauften sie so ein Ding und verstauten es argwöhnisch im Wandschrank. Dort ist es immer noch. Wenn mein Navigationssystem „Bitte biegen Sie jetzt rechts ab“ rät, antworten meine Eltern als Fahrgäste im Fond unter Garantie: „Das hätte ich jetzt auch gewusst!“

Wenn meine Eltern einen Waldspaziergang unternehmen, sind sie der heimischen Fauna sehr nahe. Bei ihnen klingelt, summt und fiepst nichts; kein Lichtsignal scheint bei eintreffenden Emails aus der Tasche. Ich dagegen würde aber mit der extra-terristischen Geräuschkulisse meiner Sammlung an Mobile Devices jedes Dammwild-Rudel in alle vier Winde zerstreuen.

Derart befreit von den technischen Zwängen möchte ich den Vatertag auf meiner Dachterrasse verbringen. Vielleicht lese ich mal DIE ZEIT wieder von vorne bis hinten und erfreue mich an Artikeln, deren Autoren vor dem Tippen auch die Gelegenheit gegeben wurde, über ihr Schreibvorhaben nachzudenken.

Und getwittert wird heute nur im Ausnahmefall. Unsere Überlebenschancen stehen trotzdem gut.

Christoph Holowaty

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3 Kommentare
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  1. Wie wahr, wie wahr..

  2. Echt super Artikel!!! Das von Patrick Swayze hatte mich auch wirklich schockiert..

  3. Guter Artikel. Welcher der Damen und Herren Twitterer will denn noch ernsthaft um die Privatsphäre kämpfen, für den Datenschutz eintreten, wenn er selber weitaus mehr in die Welt bläst, als Schäuble, Bush & Co. jemals wissen wollen?

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