Horrorwaty - DER TRAILER

Oliver Pocher, weiche von mir!

Mittwoch, 22. April2009 | Von Christoph Holowaty | Rubrik: Backstage

Christoph HolowatyOliver Pocher ist Comedian und für seine DVD Gefährliches Halbwissen auf Promo-Tour. Das verträgt sich nicht immer gut. Bei dem eher kläglichen DSDS-Auftritt tauscht Pocher Gags gegen Penetranz und geht langsam auf den Keks. Und: Er ist nicht der einzige, der mit Werbebotschaften nervt.

Ich hasse Promos. Das ist keine Krankheit; wenigstens keine medizinisch diagnostizierbare, sondern Marketing-Realität im Showgeschäft. Stars und Prominente überziehen das Publikum mit medialen Werbefeldzügen, denen selbst der fingerfertigste Zapper und selektivste Leser nicht mehr entkommt. Was inzwischen zum Zwecke der Produktanpreisung durch TV-Shows, Radiosendungen oder Magazinseiten getingelt wird, sprengt den Unterhaltungs- oder Informationsbedarf selbst der tumbsten Zielgruppe. Ranklotzen, bevor die CD welk wird. Oder das Buch. Oder was es auch immer gerade zu verkaufen gibt.

Und: Ich leide nicht nur als nach Showbiz-News geifernder Zeilensöldner darunter, sondern auch als Zuschauer. Denken Sie mal acht Wochen zurück: Sie hatten einfach keine Chance, einer Heike Makatsch zu entkommen, die für ihren Kinofilm „Hilde“ so gut wie jedem Boulevard-Blatt Exklusiv-Interviews aufdrängte.

Und während wir uns noch von Heike Makatsch dekontaminierten, zwängte sich auch schon wieder Mario Barth auf jede freie Illustriertenseite und in unzählige TV-Shows. Der hatte nämlich auch was zu verkaufen, nämlich seinen Kinofilm Männersache. Leider nur oft mit den sich wiederholenden Pointen. Gottlob ist der Streifen inzwischen ein Riesenerfolg, und wir haben keinen neuen Propaganda-Feldzug zum DVD-Erscheinungstermin zu befürchten. Nun leidet Mario Barth unter einem Burnout-Syndrom, wie man munkelt. Wir auch, aber mit uns hat man ja kein Mitleid.

Gleich danach war Atze Schröder dran, der durch seine permanente Bildschirm-Präsenz zur Vermarktung seines Bühnenprogramms „Mutterschutz“ schon bald zur Standard- Studio-Requisite sämtlicher Sendeanstalten wurde. Bühne, Sofa, Mikro, Atze. Sendung läuft.

Und wer geht uns aktuell auf den Keks? Richtig, Oliver Pocher. Der muss zur Promotion seines Bühnenprogramms Gefährliches Halbwissen (nebst käuflich zu erwerbender DVD, versteht sich) an die Front. Und natürlich auch zum Vorglühen der zukünftigen Pocher-Show auf Sat 1. Nun ist Oliver Pocher ja zugegebenerweise wenigstens überwiegend lustig und lockert auch eine eher zähe Kerner-Interviewrunde mit mehr oder weniger charmant vorgetragenen Unverschämtheiten auf.

Aber warum verschont man uns nicht wenigstens an unserem geliebten Samstagabend, an dem wir uns als gerade noch werberelevante Zielgruppe die unfreiwillige Komik bei Deutschland sucht den Superstar rein pfeifen wollen? Oliver Pocher lässt sich bunt anmalen, trägt wirre Haarpracht, singt schief und hofft, als Tokio-Hotel-Frontmännchen Bill Kaulitz zu amüsieren. Oder wenigstens irgendwie da zu sein, um an den Erwerb der DVD zu erinnern. Die heißt Gefährliches Halbwissen – nur, falls Sie es vergessen haben. Entweder die
Darbietung
war gar
nicht zur Betrachtung
im nüchternen
Zustand vorgesehen, oder
sie war tatsächlich einfach
nur schlecht.
Entweder die Darbietung war gar nicht zur Betrachtung im nüchternen Zustand vorgesehen, oder sie war tatsächlich einfach nur schlecht.

Beim Ziehharmonika-Spieler, der im Straßencafé nervt, ist es einfach: Man drückt ihm ein paar Münzen in die Hand und er marodiert woanders. Nur dem mal mehr, mal weniger geschickt getarnten Dauerwerbefernsehen ist man als medienkonsumierendes Einzelschicksal hilflos ausgesetzt. Nützt es etwas, gesamte Ton- und Bildträger-Warenbestände der werbetreibenden Künstler aufzukaufen, um endlich wieder ein halbwegs am Zuschauer orientiertes Programm zu sehen oder lesenswerte Interviews zu bekommen? Natürlich nicht. Wir verhandeln nicht mit Terroristen.

Aber wir können uns rächen. Dieses Jahr veröffentliche ich nämlich mein erstes Buch, und nur unerwartet über mich hereinbrechender Reichtum mit anschließender Zufriedenheitsstarre kann mich davon abbringen. Es geht um einen früh gealterten, lebenspessimistischen Reporter, der durch eine Verkettung von Zufällen, unglücklichen Umständen und selbst verschuldeter, elementarer Tollpatschigkeit eine republikerschütternde Verschwörung im Showgeschäft aufdeckt.

Aber Sie können das Inhaltliche gleich wieder vergessen. Ich gehe nämlich auf Promo, soviel steht fest. Ich werde von Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann notfalls mit vorgehaltener Waffe Sendezeit und einfühlsame Fragen erzwingen. Ich werde bei Gute Zeiten Schlechte Zeiten als Statist anheuern, und wenn nur eine Rolle als schweigender, von Gram gebeugter Susan-Sideropoulos-Anhimmler drin ist. Hauptsache, das Buch ragt sichtbar aus meiner Jackentasche hervor.

Und wenn alle Stricke reißen, tingele ich durch die Straßencafés und Kneipen, direkt im Schlepptau der Obdachlosenzeitungsverkäufer und Rosenhöker. Kaufen Sie mein Buch. Ich geh dann auch. Versprochen.

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2 Kommentare
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  1. IIIICH IIICH IIICH!
    ich bestell auch schon mal gleich ein Buchexemplar, versprochen, nebst der Rose und der Obdachlosenzeitung von früh gealterten pessimistischen Reportern! ;)
    Und grandios, wie man es schafft, die ganzen Krepel der aktuellen “Showbranche” in einen Artikel unterzubringen!Für mich stellt sich immer die Frage, wie können solche Leute es immer wieder schaffen, durch die Variation desselben nur mässig originellem solch einen erfolg haben?

    det Mourny

  2. [...] Auf provokative Sprüche, Pochers dicke Fresse und seine Sprüche… Gefährliches Halbwissen [...]

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