Horrorwaty - DER TRAILER

Berühmt ja – aber reich?

Montag, 12. Januar2009 | Von Christoph Holowaty | Rubrik: Backstage

Foto: Lance Bellers / Fotolia
Foto: Lance Bellers / Fotolia

Konfettiregen, Blitzlichtgewitter, kreischende Fans: Sind deutsche Stars automatisch reich? Horrorwatys Kurzanalyse: Nö. Heiratsschwindler, Trickbetrüger und Erbschleicher können also getrost woanders weiterlesen.

Boris Becker hat es und er braucht es wegen zahlloser Affären. Paris Hilton hat es und braucht es zum Feiern. Lukas Podolski hat es und braucht es um seinen Audi R8 zu tanken. Wir reden also vom lieben Geld. Automatisch glaubt man ja, Stars hätten Geld. Und zwar viel. Doch Otto-Normal-Verbraucher kann getrost die Platzdeckchen am heimischen Fernsehsofa zurechtrücken und sich beruhigt zurücklehnen. Die Geschichte der Stars ist nämlich eine Geschichte voller Missverständnisse.

Irrglaube 1: Reich werden durch Schauspielerei

Nicht unbedingt. Nun, wir müssen, um dies zu analysieren, den Blick nicht verschämt zu Boden richten, um dort irgendwo den inzwischen zusammenhangloses Zeugs brabbelnden Martin Semmelrogge zu entdecken. Schauspielerei kann – wie alle freiberuflichen Tätigkeiten – eine brotlose Kunst sein, selbst mit bekanntem Gesicht. Während des Drehs zu Krabat am Set in Rumänien erklärte mir Jung-Star Robert Stadlober (”Sommersturm“): „Natürlich kommt es vor, dass man mal für einen Film 80.000 Euro Gage bekommt. Davon gehen erstmal die Steuern weg und dann garantiert mir keiner, dass ich danach Angebote bekomme. Ich habe beispielsweise in den letzten zwei Jahren überhaupt keine Angebote erhalten. Nicht einmal schlechte.“

Irrglaube 2: Reich werden mit Reality Soaps und Casting-Shows

Eigentlich sollte inzwischen jeder kapiert haben, dass Bewerber bei Castingshows die niedrigste Lebensform in der vom TV-Sender und der Plattenfirma beherrschten Nahrungskette sind. Andererseits sollte es angesichts der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland auch mittlerweile jedem dämmern, dass Banküberfälle kein probates Mittel zur Sicherung des Lebensunterhaltes, sondern allenfalls zur Sicherung eines dauerhaften Wohnsitzes auf Staatskosten sind. Und trotzdem stürmt immer mal wieder jemand mit Strumpfmaske in die Sparkasse.

Jedenfalls geht es für die TV-Sender bestenfalls im zweiten Schritt darum, wirklich Pop-, Super- oder sonstige Stars zu finden. „In erster Linie versucht man, gute Fernsehunterhaltung zu machen“, erklärte mir Ex-DSDS-Juror Heinz Henn einst bei einem launigen Frühstücks-Interview im Kölner Hyatt Regency Hotel. „Wenn man dabei ein Talent findet, das man noch dazu vermarkten kann, dann ist das gut. Das steht aber nicht im Vordergrund.“ Wieder sind wir also um eine Illusion ärmer, aber es kommen schon noch neue. Warten Sie´s nur ab.

Irrglaube 3: Reich werden mit CD-Verkäufen

Es gibt immer noch Leute, die daran glauben, doch nicht einmal in der Sahel-Zone wird annähernd soviel gejammert wie im Musikgeschäft. Das liegt an den illegalen Downloads. Oder auch daran, dass die Musikwirtschaft immer noch nicht so recht kapiert hat, dass sie längst Softwarehersteller geworden sind und wie alle Softwarehersteller Mittel zur Warensicherung finden muss. Dieter Bohlen, der das Geschäft offenbar als einer der wenigen Akteure in diesem Markt als Kaufmann betreibt, verriet am 1. November 2007 dem betroffen dreinblickenden Johannes B. Kerner Erschreckendes: „Das Wichtige ist ja, dass du früher, sag ich mal, mit einem Hit 800.000 oder eine Million Schallplatten verkauft hast. Dass du früher am Tag 20.000 Platten verkaufen musstest, um auf Eins zu gehen. Wenn du heute 2000 verkaufst, ja, dann gehst du locker auf eins. Von den Schallplattenverkäufen kann heute kein Künstler mehr leben, außer vielleicht Robbie Williams oder handgepickt aus Deutschland vielleicht noch drei, vier Acts oder so. Wenn du im Moment 50 Platten am Tag verkaufst, gehst du in die Charts – ganz locker. Es kauft kein Mensch mehr irgendwelche Platten.“ Wer will, kann sich diese Erkenntnis in nordischem Tonfall bei YouTube reinziehen. Aber natürlich verdient trotzdem noch jemand Geld an Musik, sonst könnten sich Leute wie Dieter Bohlen ja das Schlauchboot nicht leisten, mit dem er seine Villa auf Malle zum reinen Privatvergnügen per Seeweg umrundet. Mehr dazu unter Irrglaube 4.

Irrglaube 4: Reich werden durch Plattenverträge

Wer aber würde nur ahnen, wie junge, unerfahrene hoffnungsvolle Mädchen versklavt werden, wenn es nicht die BILD geben würde. Regelmäßig werden der BILD Knebelverträge zugespielt, die offenbar auf dem Staatsgebiet des Königreichs von Tonga ersonnen wurden. Mit dem deutschen Rechtssystem haben solche Vereinbarungen jedenfalls nach Expertenmeinung wenig zu tun. Auch den „Gewinnerinnen“ der aktuellen Popstars-Staffel wird übel mitgespielt, berichtet BILD.de. Trotz angeblich 70.000 verkauften CDs hätten die vier Queensbury-Mädchen Antonella, Vici, Leo und Gabriella bislang nicht einmal 1000 Euro verdient. Besonderes Schmankerl: Von dem 5000-Euro-Vorschuß würden Kosten für Flüge, Video-Produktion abgezogen. Das unternehmerische Risiko sollen die vermeintlichen Stars also selbst übernehmen; am Verdienst beteiligen sich Sender und Plattenfirma dagegen gerne. „Das ist unglaublich!“ zitiert BILD.de Anwältin Anja Neubauer. „Diese Verträge sind regelrecht sittenwidrig! Zumal die Mädchen die Mini-Gage natürlich noch versteuern müssen.“ Medien- und Arbeitsrechtler Dr. Thomas Schwirtzek zu BILD.de: „Der Vertrag ist nichtig! Hier wird ersichtlich die Unerfahrenheit der Mitwirkenden ausgenutzt! Leistung und Gegenleistung stehen in einem krassen Missverhältnis zueinander!“ Aber: Manche bizarr wirkenden und deswegen in der Presse angeprangerten Vertragsklauseln sind nach Juristenmeinung durchaus rechtswirksam, wie etwa Verträge bei Germany´s Next Top-Model. Kris, ehemalige Sängerin bei der längst aufgelösten Popstars-Band Nu Pagadi zu BILD.de: „Es ist eine Illusion zu glauben, daß man mit Plattenverkäufen als Sängerin Millionen verdient, ganz im Gegenteil. Das große Geld verdienen andere.“ Und was ist die Moral von der Geschichte? Wenn Sie sexy aussehen, gut singen können oder sich in einer Reality-Show ohne Zögern zum Obst machen wollen – holen Sie sich erstmal einen Anwalt an Bord. Oder werden Sie älter und skeptischer. Oder Sie studieren gleich Jura und wagen sich nicht vor dem ersten Staatsexamen auf die Bühne. Dann können Sie wenigstens andere Talente beraten, wenn Sie selbst gefloppt sind. Oder vielleicht noch besser: Sie denken sich selbst lustige Knebelverträge für andere aus! :)

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2 Kommentare
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  1. Ha, ich will mir auch Knebelverträge ausdenken, ich will auch!
    ich geb mich auch mit einem Cent am Tag zufrieden, am 2. Tag 2, dann 4, dann 8, dann 16 cent, usw. als Beraterhonorar – ich denke mal so preiswert wird es keinen Berater mehr geben
    Hochachtungsvoll ihr Dtt. Mourny el gitano!

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