Horrorwaty - DER TRAILER

Oliver Kalkofe: „Wir können es uns nicht schön saufen“

Montag, 9. Februar2009 | Von Christoph Holowaty | Rubrik: Backstage

Es gibt nicht nur Politik-, sondern auch Fernsehverdrossene. Wie gut, dass wenigstens ein Mann den Rächer der Entnervten mimt: Oliver Kalkofe. Der TV-Lästerer zieht auch in diesen Tagen Schneisen der Verwüstung durch die deutsche Medienlandschaft, allerdings nicht auf der Mattscheibe, sondern leibhaftig. Mit seiner Tournee fällt er in über 30 deutschen Städten ein. Horrorwaty.de war beim Auftritt in Ingolstadt vor Ort.1

Oliver Kalkofe rollt auf einem Elektro-Kart auf die Bühne. <small> Foto: C. Holowaty </small>

Oliver Kalkofe rollt auf einem Elektro-Kart auf die Bühne. Foto: C. Holowaty

Als “Bauwerk mit nationaler kultureller Bedeutung” wird der Orbansaal in Ingolstadt vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gepriesen. Doch an diesem eiskalten Februarabend pilgern nicht etwa Geistliche zum Gebäude am Ingolstädter Liebfrauenmünster, das die Jesuiten 1725 als Museumsbau für die Sammlung des Jesuitenpaters Ferdinand Orban errichteten. Vielmehr beherbergt die historische Zuflucht für zweieinhalb Stunden gut 300 Medien-Flüchtlinge.

Es versammeln sich offensichtlich Menschen, die die hölzernen Dialoge aktueller Telenovelas unter einer halben Flasche Doornkaart nicht ertragen. Menschen, die einem Uri Geller nie im Leben einen verbogenen Löffel abkaufen würden. Menschen, die der gestammelte Vortrag einer entrückt dreinblickenden Tier-Telepathin auf einem Spartenkanal fassungslos macht. Wir sprechen also von Ungläubigen. Und das sind genau diejenigen, die Oliver Kalkofe an den Lippen hängen und ihn wie einen Messias verehren. Zwar präsentiert sich Kalkofe auch auf offener Bühne zuweilen als Freund der groben Wortwahl. Doch im persönlichen Gespräch wird klar, dass der Chef-Zyniker Deutschlands nicht etwa nur Kalauer reißen will, sondern tatsächlich von einem gewissen Sendungsbewusstsein getrieben wird.

Herr Kalkofe, Sie sind bekannt dafür über das deutsche Fernsehen zu schimpfen. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?

„Ich würde sagen, im Moment ist das Hauptproblem, dass die Sender a) kein Geld, b) keinen Mut und c) keine Perspektiven haben. In den meisten Sendern arbeiten auch keine Leute, die wirklich noch Spaß an ihrer Arbeit haben. Da kann dann auch kaum Kreativität oder Innovation entstehen. Somit müssen wir das als Zuschauer eben auch erleiden.“

Das heißt: Sie sehen das ähnlich wie Marcel Reich-Ranicki?

„Bei der Rede von Reich-Ranicki schlugen zwei Herzen in mir. Einerseits habe ich mich natürlich schon sehr gefreut, dass sich endlich einmal einer traut, auf den Putz zu hauen. Es war auch sehr lustig zu sehen, wie einigen der Kollegen der Unterkiefer nach unten klappte. Andererseits hat er einfach mit dem Maschinengewehr in die Menge geschossen und auch viele getroffen, die unschuldig waren. Wenn ich jetzt den Kern seiner Kritik nehme und zwar, dass er mehr literarisch ansprechendes Intellektuellenfernsehen haben möchte, weil ihm 3sat schon zu flach ist, dann hab ich persönlich fast noch mehr Angst vor unserer Zukunft. Ich komme aus den 70er Jahren und weiß noch wie es war, als es nur zwei Programme gab. Die Öffentlich-Rechtlichen, die uns mit erhobenem Zeigefinger alles genau so proportioniert haben, dass bloß nicht zu viel Spaß dabei raus kam. Das möchte ich nicht mehr. Ich glaube ein Mittelweg ist möglich: Intelligente Unterhaltung, die das Publikum nicht für dumm verkauft, die Spaß macht und einen trotzdem nicht allein beim Zuschauen verblöden lässt.“

Der Rächer der Entnervten: Oliver Kalkofe lästert über den TV-Irrsinn. <small> Foto: C. Holowaty </small>

Der Rächer der Entnervten: Oliver Kalkofe lästert über den TV-Irrsinn. Foto: C. Holowaty

Punkt acht Uhr abends rollt Oliver Kalkofe unter tosendem Applaus mit einem zweirädrigen Segway Personal Transporter in den stuckverzierten Orbansaal ein und greift gleich zu Beginn seiner Predigt aktuelle Probleme auf. Der Vorteil der Wirtschaftskrise, tröstet Kalkofe, habe doch auch Vorteile: „Endlich geht es uns allen gleich scheiße.“ Schließlich sei er sei es leid, gekrümmte Panflötenspieler in der Fußgängerzone zu sehen – nun könne man auch gestandene Bankenmanager mit Almosen unterstützen. Das Publikum johlt, man nickt sich gegenseitig grinsend zu. Doch Oliver Kalkofe liefert nicht nur klassische Standup-Comedy, sondern arbeitet zudem mit einer Videoleinwand, auf der bizarre Sendemitschnitte eingeblendet und vom Gastgeber kommentiert werden. Als reine Bühnenversion der bekannten „Kalkofes Mattscheibe“ sieht der Künstler seine Tournee aber nicht.

Ist Kalkofe auf Tour noch böser als im TV? Was unterscheidet die neue Live-Show vom TV-Erlebnis?

„Es ist leider nicht wirklich möglich, Mattscheibensketche, wie man sie im Fernsehen gewohnt ist, auf der Bühne zu machen. Das geht schon rein technisch nicht. Die Leinwand wird da immer groß sein und ich bleibe aber der kleine dicke Mann, der dazu was sagt. Das heißt, schon alleine mit den Proportionen funktioniert das nicht. Deswegen wird es eben einen Mix aus Stand-Up, Kostüm und Mattscheibe werden. Dass ich böser bin als im Fernsehen, glaube ich kaum. Andererseits ist man auf der Bühne allein, was das Schöne ist. Man hat einfach mehr Freiheiten, die ich auch sehr gut nutzen werde.“

Griff in die Mottenkiste: Zigarettenwerbung aus den 50ern. <small> Foto: C. Holowaty </small>

Griff in die Mottenkiste: Zigarettenwerbung aus den 50ern. Foto: C. Holowaty

Doch zu Beginn schießt sich Kalkofe vor allem auf groteske Motive und Aussagen in der Werbung ein. „Beim Bratmaxe-Song könnte ich zum Mörder werden“, gesteht er. „Und: Vor Gericht würde ich freigesprochen werden!“ Eine Werbeanzeige für Vitamalz, bei der Heiner Lauterbach vom Rennrad aus lebensbejahend in Fahrtrichtung blickt, wirft Kalkofe völlig aus der Bahn: „Wie da ein ehrlicher Alkoholiker Werbung für Malzbier macht, finde ich erschütternd.“ Eine Steilvorlage liefert auch Ex-Viva-Moderator Mola Adebisi, der sich als Testimonial für ein Szene-Bier verdingt hat und nun auf einer hinter Kalkofe eingeblendeten Anzeige ekstatisch über einem DJ-Pult posiert. „Der guckt so, wie Gülcan spricht“, lästert Kalkofe und rezitiert genüsslich die Produktauslobung des Bieres. Die Flasche, so der Werbetext, verfüge über ein „zeitgemäßes Convenience-Gewinde“. Oliver Kalkofe blickt verzweifelt ins Publikum: „Früher war das ein Schraubverschluss!“ Solches Neu-Deutsch schlägt sogar Bierwerbungen mit Spießer-Testimonials aus den 50ern („Briefmarkensammler – die Sex-Götter der Nachkriegszeit“) oder an Gilde Bräu nippende Disco-Fox-Prinzessinnen aus den 80ern („Die Frisur von der ist ja schon für das halbe Ozonloch verantwortlich“).

Zuverlässige Skurrilitäten-Quelle: Oliver Kalkofe liest BILD. <small> Foto: C. Holowaty </small>

Zuverlässige Skurrilitäten-Quelle: Oliver Kalkofe liest BILD. Foto: C. Holowaty

Allerdings greift Oliver Kalkofe nicht nur zu reproduzierbarem Fundus-Material, sondern kommentiert auch aktuelle Presse-Schlagzeilen, wie etwa die Diskussion um den Papst und die von ihm veranlasste Rehabilitation eines Holocaust-Leugners. „Wer einen Boss hat, dessen Existenz gar nicht erwiesen ist, kann ja schlecht gefeuert werden“, so Kalkofe. Als zuverlässiger Lieferant für Bizarres aller Art erweist sich dabei natürlich die BILD Zeitung. „Übler Scherz am Arbeitsplatz  Druckluftpistole am Po – Darm geplatzt!“ titelte das Blatt vor kurzem. Kalkofe vermutet, dass es in Ostdeutschland eben „eine andere Herangehensweise an Erotik“ gibt, denn: „Das freche Rektum lädt munter zu Experimenten ein.“ Der Streifzug durch das Skurrilitätenkabinett der Printmedien findet jedoch vor der Pause der gut zweieinhalbstündigen Veranstaltung statt, und Kalkofe scheint in der ersten Hälfte so etwas wie Anlauf zu nehmen. Denn erst nach der Unterbrechung erwarten den Zuschauer die Lieblingsthemen des marodierenden Medienkritikers: Das Fernsehen.

Ein kleiner Jahresrückblick. Was waren für Sie die größten Fernsehverbrechen des Jahres 2008 bei uns in Deutschland?

„Es gab für mich ein persönliches Highlight und das war natürlich „Uri Geller – Ufos und Aliens“ mit dem grandiosesten Konzept aller Zeiten und zwar: „Wir senden Nachrichten ins All und warten live auf Antworten.“. Man denkt sich ja, 50 Jahre lang haben sich die Außerirdischen nicht gemeldet, aber wenn sie die Möglichkeit haben, ins Fernsehen zu kommen, dann rufen sie natürlich auch zurück oder schicken wenigstens eine SMS. Es hat natürlich nicht funktioniert und die Sendung war noch schlimmer produziert, als sich diese Idee anhört. Da denk ich nur, wie kann so eine Sendung überhaupt entstehen? Das Ergebnis muss doch jedem vorher klar gewesen sein. Dafür so viel Geld und Menschen aufzuwenden war für mich wirklich unangefochten die Nummer 1. Die Öffentlich-Rechtlichen wiederum haben eine Woche vorher ihren Uri Geller gesendet und zwar: „Das Musikhotel am Wolfgangsee“ in der ARD. Dort hat man versucht, das Singspiel der 50er Jahre noch mal nachzuspielen, aber in ganz, ganz schlecht. Das war ein Rückschritt um ein halbes Jahrhundert im Fernsehbereich, aber ohne Charme, Ironie oder Witz. So etwas Schlimmes hatte ich vorher noch nicht gesehen. Gut, eine Woche später kam Uri Geller….“

Tatsächlich scheint Oliver Kalkofe durch Uri Geller und seine entrückt wirkenden, an außerirdische Lebensformen glaubenden Studiogäste wie Nina Hagen („Deren Gehirn wurde ja schon vor Jahren von Aliens entführt“) bleibend traumatisiert zu sein. In eingespielten Szenen gestikuliert Uri Geller theatralisch und faselt Wirres, während ein live von einer entlegenen ukrainischen Sternwarte zugeschalteter  TV-Reporter darum ringt, die völlige Nutzlosigkeit der weltlichen Bemühungen um Kontaktaufnahme wort- und gestenreich zu überspielen. Solche Einspieler verlangen keine Kommentierung mehr, das Publikum johlt eigeninitiativ. Dennoch gelingt es Oliver Kalkofe, selbst scheinbar für sich sprechende Szenen noch weiter zu konterkarieren.

Was erwartet uns, Ihrer Meinung nach, für das kommende Fernsehjahr?

„Ich glaube, wir können es uns nicht schön saufen. Es wird bestimmt noch schlimmer, als es bisher schon war. Dazu muss man kein Prophet sein. Wir wissen, wie sich die Finanzkrise auf alle Bereiche unseres Lebens auswirkt. Beim Fernsehen ist das nicht anders. Privatsender sind zum Teil derartig pleite, dass sie nicht wissen, wie sie nächstes Jahr noch irgendwelche Programme zusammenbringen sollen. Da das bisher schon mit dem Geld nicht funktioniert hat und jetzt noch die große Panik dazukommt, kann man sich ausrechnen, dass es noch schlimmer als bisher wird. Und die Öffentlich-Rechtlichen werden wie immer die Chance nicht nutzen, ein interessantes Programm dagegen zu setzen. Vielleicht kriegen sie das dann gegen Ende nächsten Jahres mit, diskutieren fünf Jahre lang darüber, was sie hätten tun können, und sind in zehn Jahren bereit, ein Programm zu senden, was die Privaten aber schon vor 15 Jahren gebracht haben.“

Oliver Kalkofe als Onkel Hotte: Kritiker forderten bereits Jugendverbot. <small> Foto: C. Holowaty </small>

Oliver Kalkofe als Onkel Hotte: Kritiker forderten bereits Jugendverbot. Foto: C. Holowaty

Insbesondere der bizarre Vincent Raven hat es Oliver Kalkofe angetan. Der Gewinner der Show The Next Uri Geller tritt im schwarzen Lederwams an und behauptet, mit seinen Raben sprechen zu können. Oliver Kalkofe stürzt sich dankbar auf den fleischgewordenen Sendboten der Volksverdummung (O-Ton: „Der konnte doch aus Termingründen nicht an der Evolution teilnehmen“) und schlüpft zum Ende der Show mit schwarzem Lederwams und blonder Perücke ins Gewand des Geflügelbändigers. Spätestens jetzt ist jedem im Publikum klar: Der Mann ist auf einer Mission und zu allem entschlossen. Erst nach gut zweieinhalb Stunden Prophylaxe gegen den täglichen TV-Irrsinn zieht der Meister der Medienkritik von dannen und hinterlässt ein nicht nur ein gut unterhaltenes, sondern auch ein professionell geimpftes Publikum. :)

Rettende Links für Mitdenker:

Oliver Kalkofes offizielle Homepage

Clixoom – die Online-Talkshow: Hier sehen Sie das Video-Interview mit Oliver Kalkofe

Fußnote:

  1. Hier können Sie Oliver Kalkofe live erleben:

    • 10.02.2009 Celle, CD-Kaserne
    • 11.02.2009 Hannover, Capitol
    • 13.02.2009 Hamburg, Große Freiheit 36
    • 14.02.2009 Hamburg, Große Freiheit 36
    • 16.02.2009 Norderstedt, Mehrzweckhalle Norderstedt
    • 17.02.2009 Kiel, Kieler Schloss (Konzertsaal)
    • 18.02.2009 Berlin, Postbahnhof am Ostbahnhof
    • 19.02.2009 Berlin, Postbahnhof am Ostbahnhof
    • 20.02.2009 Berlin, Postbahnhof am Ostbahnhof
    • 22.02.2009 Berlin,Postbahnhof am Ostbahnhof
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